Kinderbetreuungszeiten von mehr als acht Stunden

Das ist eine Forderung im Kommunalwahlkampf in Stuttgart: Betreuungszeiten von mehr als acht Stunden für Kinder. Jetzt bin ich zwar ganz sicher für Ganztagsschulen und -kindergärten, aber hier bekomme ich Bauchschmerzen, denn erstens führe ich damit die 40 Stunden-Woche für Kleinkinder ein und zweitens soll hierdurch nur die Totale-Verfügbarkeit der (geringverdienenden) Arbeitnehmer hergestellt werden (die anderen können sich jetzt schon Nannys und 24-Stunden-Kindergärten leisten). Ich wäre hier eher dafür die Arbeitsbedingungen (von Eltern) zu verändern, als den Kindern immer längere Arbeitszeiten zuzumuten. 

Der ursprüngliche Kindergarten meiner Kinder war von 7:30 bis 21 Uhr geöffnet und außerdem Samstag. Die Kinder konnten allerdings nicht länger als 10 Stunden bleiben. Der Kindergarten war in einem Brenn-Punkt-Viertel, zog aber wegen der Öffnungszeiten neben Schichtarbeitern, zum Beispiel auch Studenten an. Die Öffnungszeiten aänderten sich irgendwann und zwar weil es zu wenig nachgefragt wurde. Samstag war meistens höchstens ein Kind da und später am Abend genauso. Die meisten Eltern wollen ihre Kinder nicht nachts betreuen lassen und suchen sich wenn irgendwie möglich andere Betreuungsmöglichkeiten (Freunde und Verwandte) als die Kita. Eltern wissen, dass (kleine) Kinder nur sehr ungern bei anderen Menschen schlafen wollen. Eltern scheinen auch richtig zu liegen, wenn sie hierauf Rücksicht nehmen: Anscheinend zeigen Kinder deren Eltern Nacht- und Schichtarbeiten mehr Verhaltensauffälligkeiten

Nachdem ich mein Missfallen gegenüber dieser Forderung zum Ausdruck gebracht habe, entstand eine sehr heftige Diskussion. Ergebnis: Ich verstünde nicht, dass manche Leute nun mal 10-12 Stunden täglich arbeiten müssten und in dieser Zeit eben eine Betreuung bräuchten, sonst fehle das Brot auf dem Tisch. Das stimmt wahrscheinlich. Denn laut Arbeitszeitgesetz darf normalerweise nicht mehr als acht Stunden täglich gearbeitet werden. Gemeint ist reine Arbeitszeit ohne Pausen. Eine (junge) Mutter darf nicht zu Nacht- und Wochenendarbeit gezwungen werden und muss keine Arbeit annehmen, die „die Erziehung des Kindes gefährdet“. Später sind solche Arbeitszeiten zumutbar, wenn die Betreuung des Kindes sichergestellt ist. Das Jugendamt oder Arbeitsamt übernimmt die Kosten für die Betreuung. Außerdem gibt es finanzielle Leistungen wie Kinderzuschlag, Wohngeld, Sozialgeld, Unterhaltsvorschuss. Und naja Hartz IV. Und Hartz IV ist bestimmt keine angenehme Erfahrung und arm sein auch nicht. Aber ist es wirklich so, dass junge oder auch etwas ältere Mütter gezwungen werden können bis zu 12 Stunden täglich zu arbeiten? Ernste Frage. Sind das nur theoretische Möglichkeiten der finanziellen Sicherung und theoretische Arbeitsrechte, die in der Realität aufgrund zu merkwürdiger Voraussetzungen oder so keiner bekommt? Ich hoffe nicht. 

 

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Kinderbetreuungszeiten von mehr als acht Stunden