Elternarbeit in Schulen: Besser mit Müttern und Vätern | ZEIT ONLINE

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Werte: europäische, humanistische, aufklärerische, christlich-jüdische etc. (Charlie Hebdo III)

Jeder der von europäischen Werte etc. spricht, wenn er Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Freiheit der Presse, auf körperliche Unversehrtheit, auf Leben Leben meint, macht schon die Trennungslinie zu „den Anderen“ auf. Das sind keine europäischen Werte, sondern universale. Diese Werte wurden und werden auch von Europäern oft genug mißachtet und bekämpft. In ungeordneter Reihenfolge einige Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: NSA, NS, Kolonialismus und Sklavenhandel, Hexenverfolgung und Inquisistion, Index Librorum Prohibitorum, DDR usw. usf. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und Pressefreiheit sind Werte, die in Europa nicht einfach sind, sondern Werte, die auch hier hart erkämpft werden mussten und werden (siehe bpsw. Ungarn und Italien) und von den zahlreiche Menschen in anderen Ländern gerne mehr hätten. Wenn man sich die Rangliste der Pressefreiheit anschaut, findet man genug Europäer auch weiter hinten in der Liste. Das wurde ja schon reichlich kommentiert, dass zB der russische Aussenminister Sergej Lawrow gestern bei dem Schweigemarsch in Paris mitgelaufen ist, während in Rußland die Pressefreiheit nicht gerade geachtet wird. Anderseits wird auch dort ein mißliebiger Journalist oder eine ganze Redaktion nicht einfach so erschossen. Lawrow kann bei diesem Schweigemarsch mitmaschieren, weil die Meinungsfreiheit eben kein statischer Wert ist. Daher ist seine Teilnahme nicht einfach Heuchelei, sondern verweist darauf, wie unterschiedlich Staaten Pressefreiheit und Meinungsfreiheit interpretieren.

Aber vielleicht meint der Sprecher auch ganz andere Werte, denn ganz klar ist das schließlich nicht. Europa ist ein Kontinent und eine Staatengemeinschaft, die noch nicht sehr lange existiert, und mit sehr unterscheidlichen Kulturen in den Einzelstaaten und Ländern. Wenn man in der europäischen Geschichte zurückblickt, dann wird man auf wieder ganz andere Werte stoßen. Also bitte nicht so tun, als seien das „unsere Werte“, denn sie sind es nicht, und wir hatten sie auch nicht schon immer, und oft genug legen wir Europäer ganz unterschiedlich aus. Was ist denn das konkret: Meinungsfreiheit? Wo ist ihre Grenze? Auf diese Fragen gibt es viele Antworten. Das soll nicht heißen es gäbe keine Grenzen der Interpretation. Wenn (politische) Äußerungen nur unter Gefahr für Freiheit, Leib und Leben möglich sind, dann gibt es keine Presse- oder Meinungsfreiheit mehr.

Werte: europäische, humanistische, aufklärerische, christlich-jüdische etc. (Charlie Hebdo III)

Charlie Hebdo II

In einigen Artikeln wird die Frage aufgeworfen (in der New York Times,Guardian, FAZ, Joe Sacco, Zeit), ob die Karikaturen „Charlie Hebdos“ rassistisch gewesen seien und man sich mit diesem Rassismus gemein mache, wenn man erkläre, man sei Charlie. Ich habe die Karikaturen nicht gesehen. Sie klingen rassistisch oder zumindest grenzwertig und ehrlich gesagt auch kindisch und wahrscheinlich hätten sie mir nicht gefallen. Aber: „Je suis Charlie“ heisst für mich, klarzustellen, dass niemand das Recht hat, jemanden für eine Meinungsäußerung zu ermorden, egal wie dumm, widerwärtig und kindisch diese Meinung ist. Gegen Beleidigungen und Volksverhetzung steht der Klageweg offen und darüber, wann und ob eine Klage gerechtfertigt ist, können wir als Gesellschaft diskutieren. Aber niemand soll befürchten müssen, dass eine Meinungsäußerung das Leben kosten könnte, denn das wäre das Ende der Offenen Gesellschaft.

Charlie Hebdo II

Charlie Hebdo: Understanding is the least we owe the dead | Hari Kunzru | Comment is free | The Guardian

Auch wenn das an dem eigentlichen Thema des Blogs vorbeigeht, möchte ich diesen Beitrag aus dem Guardian zu den Charlie-Hebdo-Morden hier veröffentlich. Und ja: Ich bin Charlie.

Charlie Hebdo: Understanding is the least we owe the dead | Hari Kunzru | Comment is free | The Guardian.

Noch ein kurzer Gedanken zu dem Thema:
Vielleicht hat das Thema doch mit frühkindlicher Bildung zu tun, denn wenn man interkulturelle Bildung als allgemeine Aufgabe des Bildungssystem ernst nehmen würde, dann wäre das zumindest ein kleiner Schritt dahin, zukünftigen Attentätern die ideologische Basis ihrer Anschläge zu nehmen und die Rekrutierung weiterer Personen zu erschweren. Peter Waldmann, em. Professor für Soziologie, hat zum Thema Terrorismus schon vor Ewigkeiten ein sehr gutes Buch namens „Terrorismus. Provokation der Macht“ vorgelegt, dessen Thesen politisch und öffentlich leider viel zu wenig Beachtung finden.

Leider finde ich das Buch gerade nicht, aber er sagt über die Rekrutierung ungefähr folgendes: Der Erfolg hängt davon ab, ob die Ideologie der Terroristen glaubwürdig ist. Glaubwürdig wirkt die Ideologie, wenn sich manche ihrer Prämissen (vermeintlich) in der Realität bewahrheiten. Die Ideologie muss nicht in sich logisch sein. Das heisst, wenn Terroristen einen Anschlag begehen und das damit begründen, dass sie verfolgt und unterdrückt werden und der Staat in der Folge tatsächlich die Terroristen aber auch andere unterdrückt und verfolgt, dann wirkt die Ideologie der Terroristen glaubwürdig und es gelingt ihnen neue Anhänger zu finden. Man konnte das sehr schön auch nach dem Tod von Holger Meins (RAF) beobachten. Hier war von Seiten der RAF behauptet worden, der Staat sei ein faschistischer Mordapparat – und dann ließ der Staat tatsächlich jemand in seiner Obhut verhungern (nicht absichtlich, aber fahrlässig). Damit war die Prämisse „Staat=Mörder“ scheinbar bewiesen oder zumindest nicht mehr eindeutig falsch. Und da diese Behauptung vermeintlich richtig gewesen war, erschienen andere Thesen der RAF auch überzeugender und ihre Unterstützung sinnvoll. Terroristen versuchen Reaktionen des Gegners zu provozieren, die genau in ihre Ideologien passen, um dann zu sagen: „Seht ihr. Ich hab´s doch gesagt“. Und dummerweise fallen Staaten und Einzelpersonen regelmäßig auf diese Logik herein und bereiten damit genau den Nährboden mit, den die Terroristen brauchen um weiterzumachen.

Um zur frühkindlichen Bildung zurückzukommen: Wenn man im Bildungssystem nach dieser binären Logik “hier Christen – da Muslime“ handelt und Kultur als rein zu haltende, unveränderliche und qua Geburt festgelegte Eigenschaft eines Menschen definiert, dann bestätigt man genau die Weltsicht, die den Terroristen als Argumentationsbasis dient. [Disclaimer: Muslime sind nicht alle Islamisten und Islamisten nicht alle Terroristen.] Begäbe man sich aber (flächendeckend) aus dieser Logik heraus, dann wär das ein Schritt dahin, den Teroristen die ideologische Basis zu entziehen – und die Schule wäre außerdem ein viel angenehmerer Ort für Eltern, Schüler und Lehrer. Aber das wäre natürlich viel aufwändiger, anstrengender und schwerer zu vermitteln als: Vorratsdatenspeicherung.

Charlie Hebdo: Understanding is the least we owe the dead | Hari Kunzru | Comment is free | The Guardian