Mittelklasse-Eltern

Heute war ein großes Fest im Stadtteil meines Kindergartens. Der Kindergarten hat sich auch beteiligt, unter anderem mit einem Forscherangebot. Wer vier Experimente durchgeführt hat, bekam einen Forscherpass und ein kleines Geschenk dazu. Die vier Experimente waren: einen Feuerdrachen basteln, schwarze Farbe bunt werden und eine Kerze Aufzug fahren lassen und eine Taucherglocke für Gummibärchen bauen. Das hat alles großen Spass gemacht. Aber ich war danach auch etwas verstört, denn das war das erste Mal, dass ich Mittelklasse-Eltern live von aussen in Aktion erlebt habe und was ich gesehen habe, hat mir nicht gefallen. Was hat mich gestört? Das diese Eltern nie ruhig sein und sich raushalten können. Sie reden die ganze Zeit auf ihre Kinder ein und übernehmen auch gerne und soweit sie können die Durchführung und Leitung des Experiments. Manchmal auch wenn sie das nicht können.

Zum einen fand ich das respektlos mir gegenüber. Ich sitze da schließlich nicht nur um wortlos das benötigte Material auszuhändigen. Wenn Eltern meinen sie müssten die Erklärung eines naturwissenschaftlichen Phänomens übernehmen, dann heisst das für mich: sie denken, dass ich das nicht könnte oder sie wollen ihrem Kind oder der ganzen Welt unbedingt zeigen, was sie alles wissen, auch wenn das bedeutet, einer Erzieherin über den Mund zu fahren oder ihr Kind zu überfordern. Mein Eindruck ist: Bei einem Dr. rer. nat. hätten diese Eltern sich anders verhalten. Das war also schon einmal deprimierend.

Zweitens war auch der Effekt auf die Kinder nicht so tolle. Da kam dann also ein Fragen-Bombardement noch bevor das Experiment zu Ende war und man sich die Effekte hat in Ruhe anschauen können: Was siehst du da? Was ist das für eine Farbe? Soll ich das nehmen? Was denkst du, warum das so ist? Willst du mir den Stift geben? Wo hast du das schon gesehen? Aber das kennst du doch! Denk doch mal nach! Diese Eltern sind so ungeduldig. Die Betrachtung eines Effekts muss sofort in eine prüfbare Bildungsleistung beim Kind umgewandelt werden. Schweigend zusammen beobachten und warten bis Fragen vom Kind kommen, das geht nicht.

Diese Eltern sind auch immer ganz nah dran an ihren Kindern. Sie kommen mit in den Forscher-Bereich. Sie halten die Kinder an der Hand, am Arm, auf dem Schoss. Sie setzen sich neben ihre Kinder auf die kleinen Stühlchen oder gehen neben ihnen in die Hocke. Sie tragen ihnen ihre Sachen hinterher. Sie sagen ihnen, wo sie als nächstes hingehen sollen. Sie beschützen ihre Kinder und das ist schön, wenn die Kinder drei oder jünger sind. Danach hat es etwas bedrückendes, weil erstickendes.

Ein Vater hat das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz erwischt. Der hat sich auch zu seiner Tochter dazugesetzt, aber er hat sich nicht eingemischt, sondern sie einfach machen lassen. Er hat nicht ihr chemisches Verständnis abgeprüft, sondern die Art gelobt, wie sie das Experiment durchführt. Dieses Kind hat sich wirklich gefreut.

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